Treibhausgase aus der deutschen Landwirtschaft nur sieben Prozent?

Laut Deutschem Bauernverband verursacht die Landwirtschaft nur 7 % der deutschen Treibhausgas-Emissionen. Diese Zahl bekommen alle aufgetischt, die auf die Klimaauswirkungen der Landwirtschaft hinweisen. Die Quelle ist seriös: Die Zahl stammt vom Umweltbundesamt. Trotzdem ist sie irreführend.

Darstellung vom Bauernverband, Quelle

Das Problem liegt darin, wie die Treibhausgase den verschiedenen Wirtschaftssektoren zugerechnet werden. Dafür gibt es internationale Standards nach den Vorgaben der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, denen auch das Umweltbundesamt folgt. Landwirtschaft ist diesen Vorgaben zufolge der dritte von sechs Sektoren. Die anderen vier sind (1) Energie, (2) Industrie, (4) Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft, (5) Abfall sowie (6) Andere. Es gibt eine Menge Treibhausgasemissionen, die eigentlich direkt mit landwirtschaftlichen Praktiken in Zusammenhang stehen, aber nicht im Sektor Landwirtschaft, sondern in anderen Sektoren abgerechnet werden. Das ist ein Grund, warum sich der Anteil der Landwirtschaft so klein darstellt. (Alle Quellen sind unter dem Beitrag.)

Im Sektor Landwirtschaft selbst werden vor allem die Emissionen gezählt, die bei Verdauung der Rinder und Schafe (Methan), bei der Lagerung von Gülle (Methan und Lachgas) sowie bei der Düngung von Böden (Lachgas) freigesetzt werden. Dabei handelt es sich um 66,3 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente oder 7,3 Prozent der gesamten deutschen Treibhausgasemissionen. Man rechnet mit Äquivalenten, um die verschiedenen Treibhausgase zusammenfassen zu können. Methan und Lachgas sind je Mengeneinheit viel klimawirksamer als Kohlendioxid und bleiben unterschiedlich lang in der Atmossphäre. Um verschiedene Beiträge vergleichen zu können, werden diese Gase also in CO2-Äquivalente umgerechnet.

Welche Treibhausgase aus anderen Sektoren werden nun außerdem durch die Landwirtschaft verursacht? Ziemlich klar ist es beim Sektor „Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft“, denn dort werden die Treibhausgase gezählt, die durch die Nutzung und Umnutzung von Böden entstehen. Eine wichtige Quelle sind entwässerte Moore, die als Äcker oder Grünland genutzt werden. Außerdem werden Emissionen frei, wenn Wald in Grünland oder Grünland in Ackerfläche umgewandelt wird. Beide Quellen zusammen sind für knapp 40 Millionen Tonnen Treibhausgase verantwortlich. Schlägt man diese nun dem Sektor Landwirtschaft zu, wie es auch der Wissenschaftliche Beirat des Landwirtschaftsministeriums in seinem Klimaschutzgutachen von 2016 tut, erhöht sich der Anteil der Landwirtschaft auf 11,5 Prozent. Das macht auch deshalb Sinn, weil diese Emissionen durch eine andere Nutzung oder eine Beendigung der Nutzung der jeweiligen Böden – im Falle der Moore durch die Wiedervernässung – stark reduziert oder vermieden werden könnten. Anders gesagt: Die Landwirtschaft verursacht aktiv diese Emissionen.

Der Energieverbrauch der Landwirtschaft wird nicht im Sektor Landwirtschaft, sondern im Sektor Energie gezählt. Dazu gehört also der Diesel für die Traktoren und Transporte ebenso wie der Strom für Gewächshäuser. Die Emissionen, die bei der industriellen Düngerproduktion entstehen, werden wiederum wird im Sektor „Industrie“ gezählt, nicht bei der Landwirtschaft. Genauso rechnet die offizielle Aufstellung die Energie für den Betrieb von Schlachthäusern oder die Aufrechterhaltung der Kühlkette für leicht verderbliche Lebensmittel nicht dem Sektor Landwirtschaft zu. Schließlich müssen wir noch die Emissionen bedenken, die beim Anbau der importierten Futtermittel entstehen – diese tauchen gar nicht im Treibhausgasinventar für Deutschland auf, weil sie bei dem jeweiligen Anbauland berechnet werden.

Studien, die alle Emissionen aus „Vorleistungen für die Landwirtschaft“ zusammenzustellen versuchen, kommen auf knapp 28 Tonnen – also nochmal fast die Hälfte der Summe, die direkt im Sektor Landwirtschaft auftaucht. (vgl. Klimaschutzgutachten) Wir können die allerdings nicht einfach zum Anteil der deutschen Landwirtschaft addieren, weil diese Emissionen ja teils noch im Ausland anfallen und daher bei anderen Ländern schon gezählt werden. Trotzdem handelt es sich um Emissionen, die wir bei den Klimawirkungen mit bedenken müssen. Das Umweltbundesamt selbst schätzte 2014 den Anteil der Landwirtschaft, wenn alle Vorleistungen – dann wohl nur die nationalen – einberechnet werden, auf 15 Prozent.

Aus diesen Gründen ist die in jüngster Zeit immer wiederholte Zahl „sieben Prozent“ irreführend.

Allerdings ist der Anteil der Emissionen aus der Landwirtschaft in Deutschland tatsächlich kleiner als global betrachtet. Das liegt daran, dass wir in den anderen Bereichen so überdurchschnittlich viel ausstoßen. Industrie und Verkehr sind größer als anderswo, weshalb sich der Anteil der Landwirtschaft relativ verkleinert. Sobald wir ernsthaft beginnen, in anderen Bereichen die Emissionen zu reduzieren, wird sich der Anteil der Landwirtschaft schnell erhöhen.

Eine weitere Komplikation entsteht dadurch, dass wir hier ja viele Lebensmittel verzehren, die in anderen Ländern angebaut wurden. Man kann daher auch eine ganz andere Perspektive wählen und nicht auf die deutsche Landwirtschaft als Branche, sondern auf unsere Ernährung in Deutschland als Quelle von Treibhausgasen schauen. Es gibt Schätzungen, wie viel Emissionen bestimmte Lebensmittel über die gesamte Produktionskette – und die Entsorgung – verursachen. Dabei kann man dann auch noch den Transport vom Supermarkt in die Wohnung und den Betrieb des Küchenherdes mitrechnen. Aus dieser Perspektive stellt der wissenschaftliche Beirat fest: „Die Treibhausgas-Emissionen, die bei der Herstellung, Vermarktung und Zubereitung der 2006 in Deutschland verzehrten (oder weggeworfenen) Lebensmittel anfielen, entsprachen größenordnungsmäßig einem Viertel der gesamten THG-Emissionen in Deutschland.“

Was diese Überlegungen noch gar nicht berücksichtigen, sind die Möglichkeiten, durch andere Landnutzung CO2-Senken zu schaffen, also Treibhaushase aus der Atmossphäre herauszuholen. Darin liegt ein riesiges Potential für den schnellen Klimaschutz. Theoretisch kann man jeder Landnutzung, die das nicht schafft, als „verschenkte Senkte“ zusätzliche Emissionen zuschreiben – nämlich die Treibhausgase, die dort nicht eingelagert werden. In Kürze werde ich hier dazu einen eigenen Artikel veröffentlichen.

Außerdem werde ich auf Darstellungen von Seiten des Bauernverbands eingehen, die die obige Beschreibung in Frage stellen. Manchmal wird nämlich behauptet, dass die offizielle Aufteilung in Sektoren die Landwirtschaft schlechter statt besser aussehen lasse: Sie würde doch über die Produktion von Biogas dazu beitragen, die Emissionen in anderen Sektoren zu senken, was ihr aber nicht angerechnet würde. Außerdem wird behauptet, dass die Land- und Forstwirtschaft als Gesamtsektor sogar negative Emissionen aufwiese, also schon jetzt aktiv Treibhausgase aus der Atmossphäre binden würde. Das ist zwar in bestimmter Hinsicht richtig, trotzdem aber mindestens ebenso irreführend wie die Zahl 7 Prozent.

Quellen:

Bauernverband und die 7 %, siehe z.B.

Klimaschutzgutachten des Wissenschaftlichen Beirats des Landwirtschaftsministeriums, hier: https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Ministerium/Beiraete/Agrarpolitik/Klimaschutzgutachten_2016.html

Schätzung vom Umweltbundesamt 2014: Beitrag im Deutschlandfunk

Aktuelle Zahlen vom Umweltbundesamt: https://www.umweltbundesamt.de/daten/land-forstwirtschaft/beitrag-der-landwirtschaft-zu-den-treibhausgas#textpart-1

4 Kommentare

  1. Noch ein Argument: Die oft gebräuchliche Umrechnung von Methan in CO2-Äquivalente rechnet mit der Wirkungsdauer der Gase in der Atmosphäre. Die ist bei CO2 viel länger. D.h. umgekehrt Methan wirkt kurzfristig viel stärker als der Faktor ~12-25, der in den Rechnungen steckt, aber eben nicht so lange.

    Die kurzfristige Wirkung ist für die Kipppunkteffekte aber wesentlich, weshalb der Faktor 25 die kurzfristige, aber wesentliche, Wirkung hier eher unterschätzt. Ich hab mal gelesen, dass das noch mal ~2 Prozentpunkte ausmacht (bin am Handy und kann grad die Quelle nicht googeln).

  2. Die Darstellung ist einseitig:
    Das sog. Quellprinzip, auf dem die Sektorenaufteilung beruht, ist internationaler Standard. Damit soll u.a. eine Vergleichbarkeit zwischen den Ländern erreicht werden, die Abgrenzung ist aber immer schwierig.
    So werden der Landwirtschaft nämlich auch viele Vermeidungsleistungen in ihrem Sektor nicht gutgeschrieben. Z.B. die gesamte Bioenergieproduktion (Biogas für Wärme und Strom, NawaRos für Treibstoff etc.) wird dem Verkehrs- und Energiesektor gutgeschrieben, nicht der Landwirtschaft.
    Eine THG-neutrale Lebensmittelproduktion ist nicht möglich
    Dauergrünland darf nur umgebrochen werden, wenn Ersatz-DGL angelegt wird
    Zielkonflikte werden nicht benannt, z.B.
    – Extensivierung, z.B. bei der Milchproduktion, führen zu mehr THG pro produzierter Einheit
    – Senkenleistung der Böden durch Humusneubildung ist vorwiegend nur bei konservierender Bodenbearbeitung (PSM!) möglich. Wie bekommen wir das hin? Keine Antwort in diesem Beitrag,
    – Außenklimaställe (Schweine) und Weidegang (Kühe) führen zu mehr THG-Emissionen. Hier wird der Konflikt zum Tierwohl deutlich. Ohne Tiere allerdings kein Ackerbau. Wo ist die Lösung?

    1. @ Sönke Hauschild: das klingt ja fast wie aus der Strategie des Deutschen Bauernverbandes kopiert.
      zum Thema „Ohne Tiere allerdings kein Ackerbau. Wo ist die Lösung?“
      Die Lösung ist: Ackerbau ohne Tiere. Denn deine Aussage stimmt einfach nicht. De fakto wird bereits seit Jahren Ackerbau ohne Tierhaltung betrieben. Sowohl in „ganz normalen Ökobetrieben“, die dies einfach als „viehlosen Ackerbau“ bezeichnen, als auf Höfen die explizit Bio-Vegane Landwirtschaft betreiben. Mehr infos dazu gibt es hier: https://biovegan.org, u.a finden sich da auch wissenschaftliche Arbeiten zum Thema und Praxisbeispiele.
      Noch verbreiteter ist der Biovegane Anbau in den UK https://veganorganic.net

  3. Erwähnenswert fände ich darüber hinaus, dass der Bereich der Aquakulturen komplett ausgespart wurde – wie übrigens auch in dem FAO-Bericht „Tackling Climate Change through Livestock“, der zu dem Ergebnis kommt, dass allein die „Nutztierhaltung“ für 14,5 % der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist.

    Die Emissionen aus der Düngerherstellung werden meines Wissens übrigens ebenfalls dem Energiesektor zugerechnet (vgl. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/376/publikationen/uba_dzu2018_umwelt_und_landwirtschaft_web_bf_v7.pdf, S. 34).

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